Ein Wort zum Sonntag

22. September 2007 | Von | Kategorie: 125 ml | 5.641 mal gelesen

Am vergangenen Mittwoch startete für drei Tage in Berlin die Musikmesse Popkomm. Wie immer in den letzten Jahren sind die Klagen groß und laut. Der Musik geht es hervorragend, aber der Branche sehr schlecht. Publikum und Bands stehen mittlerweile eng beieinander, Labels, Kritik und Plattenmanager haben das Nachsehen. Und das nicht gerade rock ’n‘ rollige Image des Landes ignorierend sprach Kulturstaatsminister Bernd Neumann, als die Messe eröffnet wurde, einfach mal von einer langen deutschen Musiktradition – ohne dies weiter auszuführen. Stattdessen flüchtete er sich in einen kleinen Vortrag frei nach dem Motto „Wat is‘ ’ne Popkomm?“ Brav zählte er auf, dass 886 Aussteller aus 57 Ländern zu Gast sind. Das bildet sich auch in der Teilnehmerliste der Popkomm ab: wenige Labels, dafür Obskures. Was suchen die Icelandic Airways auf der Musikmesse? Warum nehmen Beate-Uhse.tv und das Fernfahrerblatt Coupé teil? Selbst die Bundeswehr ist akkreditiert. Man kommt eben zum Pop und man wird sich auf die Schulter klopfen – trotz der Krise.

Schon hilfreicher für die heimische Szene könnte die von Herrn Neumann angeschobene „Initiative Musik“ sein, für die der Startschus fiel: Mit einer „ersten Rate“ von einer Million Euro sollen deutscher Nachwuchs und Pop-Export („Spielstättenpreis für herausragende Spielstätten im Bereich der populären Musik, insbesondere der Jazzmusik“) gefördert werden.

Deshalb ist es gar keine Frage – in Berlin regiert die Große Koalition der Popfreunde. Im Kabinett firmieren Außenminister Frank-Walter Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück als „Stones“. Umweltminister Sigmar Gabriel hört heute noch auf den Spottnamen „Siggy Pop“, den er sich als Popbeauftragter der Sozialdemokraten erwarb. Und, apropos Rolling Stones. Ihr Schmachtfetzen „Angie“ war schon als Liebeserklärung an Angela Merkel zum Abschluss von CDU-Parteitagen zu hören, gleich nach der Nationalhymne. Ja, lange vorbei die Zeiten, da Musiker gegen die herrschende Klasse rebellierten und diese sich daran störte.

So weit so gut. Vor 25 Jahren brachte die Einführung der CD der Branche den Aufschwung. Viele Hörer stellten damals ihre Vinylsammlung auf digitale Tonträger um. Musikkanäle boomten. Heute hat die mp3-Datei das CD-Format überholt, sie ist als Download im Internet sogar gratis zu finden. Das Konzeptalbum als Gesamtwerk weicht dem einzelnen Hit, denn Musik wird ganz anders gehört als in der silbernen CD-Ära. Der Klang löst sich vom Tonträger und erreicht die Konsumenten auf dem Schulhof über das Mobiltelefon oder zu Hause am Computer und die verbliebenen Kanäle lassen es klingeln, mit Klingeltönen.

Nicht die „Illegalen Downloads“ haben die Branche zerstört, sondern die Branche hat sich von innen heraus selber disqualifiziert. Wer jahrzehntelang das eigene Kapital, sprich das Kulturgut zu Waschmittel degradiert und auch wie dieses an den Konsumenten zu bringen sucht, braucht sich nicht zu wundern, wenn die Konsumenten ihrerseits dieses „Produkt“ dann irgendwann auch wie Waschmittel behandeln und entsprechend seiner Entwertung benutzen.

So gesehen gibt es keine Krise der Musik, sondern vor allem ist es eine Krise der klassischen Plattenfirmen.

Wie geht es also weiter? Saugen wir in Zukunft unsere Musik per Kultur-Flatrate aus dem Netz? Hören wir Mozart auf dem Handy? Besuchen wir mal „Hey Tube“? Wo entlang führt der Weg aus der Krise? Und können die in Berlin überhaupt Noten lesen?




1 Stern-Bewertung des Artikels/Videos2 Sterne-Bewertung des Artikels/Videos3 Sterne-Bewertung des Artikels/Videos4 Sterne-Bewertung des Artikels/Videos5 Sterne-Bewertung des Artikels/Videos (2 mal bewertet)


Tags:

Thematisch ähnliche Beiträge: