Musik der 70er

Einleitung

Richtungslosigkeit und Resignation prägten die Rock- und Popszene zu Beginn der 70er Jahre. Im Vergleich zum turbulenten vergangenen Jahrzehnt, das mit der Musik der Beatles, Bob Dylans, der Rolling Stones und zahlreicher anderer Bands zur Rock-Dekade schlechthin geworden war und seinen Höhepunkt im mehrtägigen Festival von Woodstock (1969) gefunden hatte, brachten die 70er Jahre wenige eigenständige musikalische Neuerungen hervor. Meistens wurden die Strömungen der 60er Jahre aufgegriffen und variiert. Showeffekte und Imagepflege bestimmten die internationale Szene. Der Polit- und Protestrock der 60er Jahre wich einer facettenreichen Softwelle, der erst die wütende Punk-Musik in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts die Stirn bot.

Altstar Eric Clapton beklagte 1973 in einem Interview: „Wir haben eine Fülle begabter Instrumentalisten, aber niemanden, der ihnen eine neue Richtung zeigt. Seit Monaten sitzen wir herum und warten auf einen neuen Anführer, jemanden wie Bob Dylan oder John Lennon, dem wir folgen könnten; aber es kommt niemand, und die Großen von gestern schweigen.“

Fusion im Jazz

Die rückwärtsgewandte Richtung der Musikszene war auch im Bereich des Jazz anzutreffen. Besonders in den USA erlebte z.B. der Bebop der 40er Jahre eine Renaissance. Nach den Unruhen des Free Jazz suchten viele der jungen Musiker wieder Zuflucht in tonalen Tonstrukturen. Die bedeutendste Entwicklung des Jahrzehnts war der Jazzrock oder die Fusion Music: Stagnierende Umsätze und mangelnde Impulse aus den eigenen Reihen führten dazu, dass namhafte Musiker Anleihen in anderen Bereichen nahmen und etwa mit der einfachen Harmonik afro-amerikanischer Tanzmusik experimentierten. Zu den bekanntesten und auch kommerziell erfolgreichsten Musikern dieser Richtung gehörten Miles Davis, Herbie Hancock und Chick Corea. Bands wie Blood, Sweat & Tears oder Chicago erzielten mit ihren Jazz-Rock-Fusionen Millionen-Erfolge.

Reggae und Funk

Die „Veteranen“ der Rockmusik beherrschten nach wie vor die Rockszene. Bands wie die Rolling Stones oder Sänger wie Bob Dylan, die in den 60er Jahren dem Lebensgefühl der jungen Generation mit einzigartigen Songs Ausdruck verliehen hatten, sorgten weltweit nach wie vor für überfüllte Konzert-Arenen und Massenhysterien. Der bedeutendste neue Impuls für die Rockmusik kam aus Jamaika: Bob Marley, Peter Tosh, Jimmy Cliff u.a. schlugen monoton-repetitive Rhythmen und einfache Harmonien an und sangen dazu Texte, die das Elend der Dritten Welt beklagten und zur Revolution aufriefen. Ihr Reggae beeinflusste die gesamte populäre Musik, verlor dabei aber auch oft jedes ethnische Flair und verkam zum bloßen Klangeffekt. Funky Music hieß die einzige neue Stilrichtung des Rock, die die USA in den 70er Jahren hervorbrachte. Der explizit schwarze, im Blues verwurzelte Stil betonte ebenfalls ethnische Ursprünge. Die genau aufeinander abgestimmten Rhythmusmuster und kurzen Melodiephrasen verlangten von den Musikern höchste Virtuosität und ergaben eine energiegeladene Tanzmusik. Earth, Wind & Fire war mit millionenfach verkauften Alben eine der populärsten Funk-Bands

ABBA

Weichgespülter Abba-Sound

Die Pop-Szene war ausgelaugt, die Drogen-Euphorie der 60er Jahre abgeebbt, die rebellischen Teenager von gestern waren nun erwachsen – an der Musik entzündete sich kaum noch ein Generationenstreit. Rockmusik war in den 70ern nur noch Entertainment, „It’s Only Rock `n` Roll, But I Like It“ sangen auch die Stones. Melancholische Lieder voller Nostalgie zur akustischen Gitarre oder am Klavier gesungen (James Taylor, Neil Young) hatten Hochkonjunktur. Unüberschaubar waren die Massen an populären Gruppen, die mit eingängigen Melodien sowie mit Liebes- und Weltschmerz-Texten international erfolgreich waren.

Supertramp lieferten beispielsweise einen ausgetüftelten Mainstream-Rock, über den das Branchenmagazin „Sounds“ klagte: „Ihre Musik klingt wie eine Reizüberflutung, als ob jemand sämtliche guten Pop-Platten der 60er und 70er Jahre auf einmal aufgelegt hat“. Dem Erfolg der Gruppe tat das keinen Abbruch: Mit Alben wie „Breakfast in America“ (1979) wurde Supertramp weltberühmt.

Das allgemeine Vakuum nutzten Bands wie ABBA, die mit zeitlosen Schlagern zu den neuen Stars der Popszene aufstiegen. „Auf einen Schlag löste Pop-Musik die Rock-Musik ab“ schrieb der „New Musical Express“ nach ABBAs Grand-Prix-Sieg 1974 („Waterloo“). Eingängige Texte („Mamma Mia“, „Honey, Honey“), Anleihen beim US-Pop der 60er Jahre, rigider Rhythmus und skandinavisches Sing-Along-Feeling verband die Band zu einer Mixtur, die sie innerhalb von vier Jahren mit 53 Mio. verkauften Platten zur erfolgreichsten Pop-Gruppe seit den Beatles machte.

Boney M

Die Jugend tanzt

War das still-ergriffene Zuhören in den 60ern noch die dominierende Form des Musikkonsums gewesen, so versetzten die eingängigen Schlager die Teenager nun in Bewegung. Ab Mitte des Jahrzehnts wurden in den Großstädten allwöchentlich neue Diskotheken eröffnet. Als 1977 der Tanzfilm „Saturday Night Fever“ mit John Travolta in die Kinos kam, war die Disco-Welle nicht mehr aufzuhalten, der Soundtrack der Bee Gees wurde zum Ohrwurm. Grundprinzip dieser neuen Musik-Richtung war ein durchgängiger schneller Beat, der permanent zum Tanzen animierte. Die Texte („Come on, Let’s Dance“, „Get up and Boogie!“) ordneten sich entsprechend unter. Sänger wie Donna Summer („I Feel Love“), George McCrae („Rock Your Baby“) oder Gloria Gaynor („Never Can Say Goodbye“) eroberten die Disco-Szene im Nu, ihre Hits führten wochenlang die Charts an.

Auch deutsche Formationen wie Boney M („By the Rivers of Babylon“) oder Silver Convention („Lady Bump“) fanden den Weg in die internationalen Diskotheken.

Sex Pistols

Punks machen Krawall

Dem fröhlichen Singsang der Pop- und Disco-Szene sowie dem technisch perfektionierten Rock der Großverdiener-Bands widersetzte sich ab 1976 eine neue, aggressive Musikrichtung: der Punkrock. Hämmernde Rhythmen, sparsame Harmonik und rüde Texte versetzten das Publikum in Rage. Punk, das übersetzt so viel wie „Abfall“ oder „Mist“ bedeutet, entstand auch als Reaktion auf die wachsenden sozialen Probleme der westlichen Industriegesellschaft: Fehlende Jobs und schlechte Perspektiven am Arbeitsmarkt sorgten bei vielen Jugendlichen für eine No-Future-Stimmung, die geprägt war vom Hass auf alles Bürgerliche. Zu den radikalsten Vertretern des Punk zählte die Londoner Band Sex Pistols, bei deren Konzerten es regelmäßig zu Krawallen kam. Ihr Song „Anarchy in the UK“ (1976) stieg zur Hymne der Bewegung auf. Dazu tanzten die Punker Pogo – einfache Sprünge und Rempeleien, die nicht selten in Prügeleien endeten. Bei den Musikern war das „Stagediving“ beliebt, wobei sie sich von der Bühne ins Publikum fallen ließen. Schwarze, mit Nieten besetzte und oftmals zerfetzte Kleidung sowie grellgefärbte Haare waren das Erkennungszeichen der Punker, die schon bald in allen europäischen und amerikanischen Großstädten anzutreffen waren. Bands wie The Stranglers oder Talking Heads provozierten mit sexistischen bisweilen sogar faschistischen Texten.

In Deutschland feierte Punk-Lady Nina Hagen, die Hits wie „Auf’m Bahnhof Zoo“ und „Ich glotz‘ TV“ mit schriller Operndiva-Stimme vortrug, große Erfolge. Das Ende der Punk-Bewegung setzte jedoch schon zum Ende des Jahrzehnts ein, als entzückte Bürgerkreise den Anti-Chic des Punk-Rock für sich entdeckten, salonfähig machten und schließlich vermarkteten. Das Jahrzehnt endete, wie es begann: in Erwartung einer neuen Leitfigur.

Ein Kommentar
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  1. Wer gerne 70er Jahre Musik hört könnte sich für den Sender interessieren

    Wenn der Code nicht angezeigt wird als Flashplayer bitte ich bei Gefallen diesen Code überall einzubauen, wo ihr meint das jemand da ist, der sich auch für 70er Musik interessiert.

    Zur Zeit sendet AmateurRadio4U am Montag gegen Abend und den kompletten Dienstag Musik aus den 70er Jahren arrangiert und gestaltet als Reise durch die Zeit.

    Für positives Feedback bin ich immer offen 🙂
    LG
    Zachi

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